Die Anfänge des Reitens

Foto: 16409465 – petit chevaux sauvages de przewalski © joël BEHR

„Ein Pferd – ein Königreich für ein Pferd!“ 

Dieser zum geflügelten Wort gewordene Wunsch König Richards III auf der Flucht bezeugt wie kein anderer Ausspruch die enorme Wichtigkeit, die das Pferd seit jeher für die Menschheit hatte. Sein eigenes Pferd war in der Schlacht gefallen und eine Rettung ohne dieses Tier nicht denkbar. Ohne Pferd, zu Fuß auf sich allein gestellt war er hilflos und seiner Königswürde beraubt. Aber nicht nur das Leben des englischen Königs war abhängig von der Zuverlässigkeit, der Schnelligkeit, der Kraft und Ausdauer der unverzichtbaren Vierbeiner. Man sagt diesem ältesten aller Haustiere nach, dass eine Verbreitung der menschlichen Spezies über den gesamten Globus ohne das Pferd gar nicht möglich gewesen wäre.

In den Anfängen der Domestikation des Wildpferdes vor mehr als 3.500 Jahren dürfte freilich nicht das Reiten und seine Einsatzmöglichkeit als Arbeitstier im Vordergrund gestanden haben, sondern seine Haltung als Milch- und Fleischlieferant. Es ließ sich relativ leicht halten und zähmen und vermehrte sich auch in menschlicher Obhut gut. Als Herdentier ging es eine Bindung ein und zog mit den Menschen von Lager zu Lager. Bereits um 2.800 vor Christus entstandene Steinmalereien von Reitern belegen aber die Nutzung des Pferdes als Reittier. Diese Entdeckung dürfte für die Menschheit ähnlich fundamental gewesen sein wie die Entdeckung des Feuers. Das Zurücklegen weiter Strecken mir großem Gepäck wurde durch das Pferd erst möglich. Noch vor der Erfindung des Rades befestigten Nomadenvölker lange, hölzerne Stangen an den Seiten ihrer Pferde. Die Enden der Stangen waren locker mit Stricken aus Naturmaterialien verbunden, was eine Art Hängematte ergab, auf der man allerlei Hausrat oder auch Personen transportieren konnte. Indianerstämme nutzen diese Transportmethode zum Teil noch heute.

Das Pferd – ein fabelhaftes Wesen

Die ersten „richtigen“ Reiter müssen pferdeunkundigen Menschen wohl wie Götter oder Fabelwesen erschienen sein. Höchstwahrscheinlich haben die ersten Reiter diese Furcht auch ausgenutzt und ihre Überlegenheit und Macht demonstriert. Zu Pferde ist ein Mensch größer und schneller, stärker und wendiger als jeder andere und damit im wahrsten Sinne des Wortes haushoch überlegen! Ziemlich sicher dürfte daher sein, dass die Entdeckung ein Pferd zähmen, abrichten und reiten zu können, zunächst ausschließlich kämpferischen Zwecken diente.

Wie viel Harmonie damals zwischen Pferd und Reiter herrschte, oder ob das Tier lediglich als Mittel zum Zweck missbraucht wurde, kann man heute nur mutmaßen. Anzunehmen ist aber, dass es damals wie heute sowohl empathische Menschen gegeben haben muss, die mit ihren Tieren eine enge, freundschaftliche Bindung eingingen, die von Respekt und Achtung geprägt war, als auch solche Reiter, die in ihren Tieren reine Gebrauchsobjekte sahen.

Im Zuge der Haustierwerdung entstanden aus dem einstmals mittelgroßen, struppigen Wildpferd in Anlehnung an den jeweiligen Verwendungszwecke erste Rassen. Schlanke, feingliedrige Tiere wie das mongolische Pferd, dass den Reitervölkern Dschingis Khans unsterblichen Ruhm brachte oder das fast überirdisch schöne arabische Vollblut, das luxusverwöhnt an der Seite seiner Besitzer aus goldenen Schüsseln seine Mahlzeiten einnahm. Im Mittelalter entstand ein schwerer, großer und starker Pferdetyp, der in der Lage war Ritter in vollem Panzer durch die Schlacht zu tragen. Ein grobknochiges Tier mit sanftmütigem Charakter und ruhigem Temperament – ein früher Vorfahre unserer heutigen Kaltblüter.

Schach und Matt – der spielerische Umgang mit dem Pferd

Die Faszination, die das Pferd schon früh auf den Menschen ausübte und die Freude am Reiten bewirkten, dass sehr schnell auch in friedlichen Zeiten eine Art Pferdesport entstand. Wettkämpfe zu Pferd, deren Ursprünge und Regeln aus den Schlachten stammten, gewannen überall auf der Welt an großer Beliebtheit. Ritterspiele, Military-Wettkämpfe und Polo entstanden als friedliche Varianten der ehemals blutigen Schlachten. Im „Spiel der Könige“ erhielt das Pferd sogar als geschnitzte Figur in mehr oder weniger künstlerischer Ausführung als Schachfigur seinen festen Platz.

In Kriegs- und in Friedenszeiten war kein anderes Haustier so eng im Dienst des Menschen und so maßgeblich an der Entstehung der heutigen Zivilisationen beteiligt wie das Pferd. Unzählige Tiere arbeiteten in der Landwirtschaft, in Bergwerken, im Straßenverkehr und im Transportwegen. Über Jahrhunderte war Logistik ohne den Einsatz von Pferden unmöglich. Auf ihren Rücken trugen sie den Menschen in die Neuzeit und in die entlegensten Gegenden der Erde. Unzählige der treuen Tiere ließen dabei entkräftet und ausgemergelt durch die harte Arbeit oder auf Schlachtfeldern ihr Leben. Geschlagen, ausgebeutet, aber auch geliebt und vergöttert ist es eine untrennbare Verbindung zum Menschen eingegangen. Selbst die Anfänge der Industrialisierung verdankte der Mensch dem Pferd bis moderne Maschinen, Traktoren und Eisenbahnen die unermüdlichen Dienste der Vierbeiner nach und nach ersetzten.

Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde

Erst als das Pferd nach Ende des ersten Weltkrieges seine Bedeutung als Soldatenlasttier verloren hatte, begann sein Siegeszug als Freizeittier und sportlicher Begleiter. Zwar war es noch bis nach dem zweiten Weltkrieg Offizieren vorbehalten, sich in Wettbewerben zu messen, aber die Etablierung des Pferdesports für jedermann war nur noch eine Frage der Zeit.

Mit der veränderten Sicht auf das Pferd vom reinen Nutztier hin zum Freizeitpartner änderte sich endlich auch der Umgang mit dem sensiblen Tier. Pferdeflüsterer bieten ihr komplexes Wissen mittlerweile in Seminaren an und bringen Pferdefreunden die subtile und tiefe Verständigungsmöglichkeit mit ihren Tieren nahe. Fast jedes Mädchen nimmt heute mindestens einmal im Leben an einem Reitkurs teil. Die Faszination dieser sanften Riesen ist nach wie vor ungebrochen und erlebt zur Zeit wieder einen neuen Boom.

Ein sanfter, respektvoller Umgang mit diesem großartigen Geschöpf sollte heute jedem Reiter selbstverständlich sein. Letztendlich sind wir alle es einem Tier schuldig, dem wir wie keinem anderen unseren heutigen Lebensstandard verdanken.