Die Rolle des Pferdes im Märchen

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Die Rolle des Pferdes im Märchen – von der Antike bis zur Neuzeit

Die Schönheit des Pferdes, seine Anmut und auch sein Wesen haben seit jeher Dichter und Schriftsteller inspiriert. Als Symbol für Sanftheit gilt es, aber auch für Kraft, Freiheit und Stolz. Kaum jemand kann sich dem unvergleichlichen Charme dieses Geschöpfes, der Eleganz seiner Bewegung, dem Glanz seiner Augen entziehen.

Kein Wunder, dass das Pferd auch in zahlreichen Märchen, Fabeln und Legenden eine wichtige Rolle spielt. Zu den bekanntesten Vertretern in der Literatur gehören sicher das trojanische Pferd, die berühmten Pferde Iltschi und Hatatitla von Winnetou und Old Shatterhand, das Pferd der Pippi Langstrumpf, das Ebenholzpferd aus tausend und einer Nacht und Fallada, das treue Pferd der Gänsemagd von den Gebrüdern Grimm. Nicht zu vergessen natürlich Black Beauty und Fury, die unangefochtenen Helden jedes kleinen Mädchens.

Immer bestehen diese Pferde spannende, manchmal gefährliche Abenteuer mit meist gutem Ende. Die Ausgangssituation mag dabei höchst unterschiedlich sein. Was aber alle Geschichten eint, ist die Rolle des Pferdes als Symbol für Mut, Kameradschaft und Heimatverbundenheit. Das Pferd, mit dem man die Heimat verlässt, trägt einen im Idealfall auch dorthin wieder zurück – wohlbehalten und reicher an Erfahrungen und Abenteuern. Beschützt durch seine Kraft und getragen von seiner Stärke ermöglicht es selbst dem Unerfahrenen in die Welt hinaus zu gehen und dort zu bestehen.

Während vor allem für junge Mädchen das Pferd zusätzlich die Rolle des starken und zugleich sanften und folgsamen Beschützers verkörpert, beschreibt die Geschichte des Ebenholzpferdes zwischen den Zeilen die wunderbare Beziehung zwischen Mensch und Tier und die Vorteile, die der Mensch aus dieser Beziehung zieht. “Auf seinem Rücken vergeht die Zeit wie im Fluge,“ sagt begeistert sein Besitzer: „Ein ganzes Jahr vergeht während man das Gefühl hat, es seien nur wenige Stunden gewesen.“ Dieses Zitat aus dem “Ebenholzpferd“ beschreibt mit anderen Worten treffend den noch heute vielzitierten Spruch: “Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde.“ Zudem ist der Königssohn, der zur Befreiung seiner Geliebten gegen das komplette Heer ihres Vaters antreten muss, hoch zu Ross selbst der zahlenmäßigen Übermacht der Gegner haushoch überlegen. Auch das trojanische Pferd berichtet schon in der Antike im übertragenen Sinne von der kämpferischen Überlegenheit eines Volkes durch den Besitz von Pferden.

Besonders hoffnungsvoll stimmt das Märchen der Bremer Stadtmusikanten den Leser. Zwar kein Pferd, aber doch ein naher Verwandter, der Esel, beweist in dieser Geschichte seine Zähigkeit, sein Durchhaltevermögen und einen ungebrochenen Lebenswillen, indem das aufgrund seines hohen Alters unbrauchbar und zu Unrecht verstoßende Tier sich mit anderen vierbeinigen Leidensgenossen zusammentut und mit diesen neue Stärke und Mut gewinnt. Friedfertig, aggressionslos und doch beeindruckend bezeugt diese Gruppe von Tieren durch den unerschütterlichen Zusammenhalt ihrer Freundschaft und ihre Überlegenheit gegenüber aller Feindseligkeit.

In Fabeln übernehmen bekanntlich Tiere die Rolle von Menschen. Hier finden wir den Löwen als König, den Wolf als verschlagenen Räuber, den Fuchs als hinterhältigen Dieb und den Hasen als Feigling. Sicher nicht immer zu Recht verdienen Tiere diese Attribute. Im Gegenteil: in der Wirklichkeit stellen gerade die verunglimpften Tiere sich ganz anders dar. Vom Wolf ist mittlerweile bekannt, dass er ausgesprochen sozial ist und der Fuchs ist weder hinterhältig noch diebisch und der Hase alles andere als feige. Die Symbolkraft des Pferdes allerdings hat sich über Jahrtausende weltweit unverändert gehalten. Sie findet sich in der sanften Erscheinung des Einhorns und im ungestümen Pegasus ebenso wie im temperamentvollen Feuerpferd des chinesischen Kalenders: Es ist das Bild eines Tieres, das Kraft, Ausdauer, Eleganz, Temperament, Gutmütigkeit, irdische Bodenhaftung und göttliche Schönheit in absoluter Vollendung in sich vereint.