Wann sind Kinder alt genug für ein Pferd?

Foto: 48569346 – Child and small horse in the field at spring going to ride. © Alexia Khruscheva

Wenn das Kind sein eigenes Pony möchte, kommt auf die Eltern einiges zu – nicht nur finanziell. Ab welchem Alter macht dieser Schritt überhaupt Sinn? Und was gilt es zu beachten? 

Unter den vielen Erfahrungen, die man als Eltern von Töchtern so macht, ist diese eher die Regel als die Ausnahme; eines Tages kommt das Thema zwangsläufig auf den Tisch: Ich möchte ein eigenes Pony! Das Zimmer wird plötzlich mit Pferde-Postern tapeziert, im Bücherregal sammeln sich Pferdegeschichten und Bibi und Tina sind so etwas wie virtuelle beste Freundinnen geworden. Womit die Eltern vor der Frage stehen: Ist sie dafür schon alt genug? Und wenn schon ein eigenes Pferd, wie geht man da am besten vor? Und womit muss man rechnen?

Wie so oft hängt das natürlich von den Voraussetzungen ab. Wenn die Familie ohnehin aus lauter „Pferdenarren“ besteht und schon mehrere Pferde im eigenen Stall stehen hat, fällt ein weiteres Pony vermutlich gar nicht weiter ins Gewicht. Meistens dürfte es jedoch so sein, dass die nächste Koppel kilometerweit entfernt ist und die letzte Reiterfahrung der Eltern bestenfalls aus der Zeit stammt, als sie selbst Ferien auf dem Reiterhof gemacht hatten. Also was tun, wenn man den Wunsch ihres Kindes ernst nehmen möchte?

Pubertät abwarten oder mit dem Pferd aufwachsen?

Von den Kosten und der Organisation dieses so schönen wie aufwändigen Hobbys abgesehen: Ein eigenes Pferd zu besitzen bedeutet immer, ein hohes Maß an Verantwortung zu tragen. Und viel weniger Zeit für andere Dinge zu haben. Und es wäre schon außergewöhnlich, wenn ein 8-jähriges Kind die Konsequenzen daraus ganz überblicken und richtig einschätzen würde: Dass nämlich das eigene Pferd nicht nur für ein oder zwei Monate – in diesem Alter eine endlos lange Zeit – den größten Teil seiner Freizeit beansprucht. Sondern über viele Jahre hinweg. In der Regel zieht der (elterliche) Familienrat daraus den Schluss, die Angelegenheit auf die Zeit nach der Pubertät zu verschieben. Weil man bei einer 16jährigen eher davon ausgehen kann, dass sie sich aller Konsequenzen bewusst ist, die diese Entscheidung mit sich bringt. Andererseits ist es eine wunderschöne Sache, von Kindesbeinen an den Umgang mit Pferden zu lernen. Davon wird ein Kind sein Leben lang zehren. Und es ist doch wunderschön, einem kleinen Kind große Träume erfüllen zu können. Aus medizinischer beziehungsweise entwicklungsphysiologischer Sicht galt zwar lange die Empfehlung, nicht unter 9 Jahren intensiver zu reiten. Weil es Wirbelsäule und Knochenbau schädigen könnte. Doch neuere Forschungen haben diese Bedenken inzwischen ausgeräumt. Auch Kleinkinder nehmen durch das Reiten keinen Schaden, eher im Gegenteil.

Eltern sind nicht nur finanziell gefordert

Insofern: Ein „bestes“ Alter, das eigene Kind zum Pferdebesitzer zu machen, gibt es nicht. Bei Kindern unter 12 Jahren ist aber klar, dass sie tatkräftige Unterstützung brauchen und die Haltung des eigenen Pferdes eher eine familiäre Aufgabe sein wird. Und um es ganz deutlich zu sagen: Pferdehaltung ist eine Kunst für sich. Auf den ersten Blick klingt es verhältnismäßig simpel: Heu, Stroh und etwas Kraftfutter, täglich ausmisten und reiten, regelmäßig impfen und entwurmen lassen. Nur leider ist die Sache meist komplizierter, denn kein Pferd ist wie das andere, es stellt eigene Ansprüche an seine Umgebung und an die Menschen, die es versorgen und mit ihm umgehen. Und seine Sprache gilt es zu verstehen. Ein Laie erkennt beispielsweise nicht, ob sich ein Pferd in seiner Herde auf der Weide wohl fühlt. Was bedeutet: Wenn Sie die Leidenschaft ihres Kindes nicht unbedingt teilen und es nicht ihr eigenes Hobby ist, dann kann das bravste Pony schnell zu einem galoppierenden Problem für die ganze Familie werden. Daher sind alle betroffenen Eltern gut beraten, die Motive des eigenen Kindes richtig einzuschätzen und gründlich zu hinterfragen. Wenn ein paar gesehene Folgen „Black Beauty“ und ein paar Pony-Runden auf dem Jahrmarkt die Grundlage sind … dann lieber nicht! Das Interesse muss eben gewachsen sein, durch viel Zeit im Stall, Reitstunden und eine Reitbeteiligung, die eigentlich der sinnvollste Weg ist, sich den Zauber und die weniger angenehmen Seiten der Pferdehaltung zu erschließen.

Denn die Interessen eines Kindes können sich schnell ändern. Nicht erst mit der Pubertät, wenn Schule, Freunde und die ersten Beziehungen immer mehr Zeit und Aufmerksamkeit beanspruchen. Sondern auch schon mit 10, wenn andere Hobbys wie Musik plötzlich einen größeren Stellenwert bekommen. Also selbst wenn der Wunsch, ein eigenes Pferd zu besitzen, bei einer 10jährigen übermächtig wird: Ein mögliches Ausstiegs-Szenario sollte besser schon bei der Anschaffung des Pferdes ein Teil der Überlegungen sein – auch im Interesse des Tieres.

Kein Pferdekauf ohne klare Vorstellungen und Ziele 

Eine Grundvoraussetzung gilt ansonsten für jedes Alter: Das Kind sollte eine relativ klare Vorstellung davon haben, welche Ziele es hat und was es mit dem Pferd tun möchte. Turnierreiten, Gelände, Dressur, Springen, Distanz – da sind die Unterschiede groß. Und es ist ratsam, die Reitlehrer(in) von Anfang an in die Überlegungen einzubeziehen. So lässt sich zunächst einmal klären, wie realistisch diese Ziele überhaupt sind. Und es hilft, ein Pferd zu finden, das auch zu diesen Zielen passt. Stellen sie aber sicher, dass sie sich auf das Urteil verlassen können und zwischen Händler und Reitstall keine Geschäftsbeziehung besteht; Provisionszahlungen für die Vermittlung von Tieren sind keine Seltenheit und können die Urteilsfähigkeit gewissermaßen „trüben“. Und lassen sie eine gründliche Ankaufuntersuchung von einem vertrauenswürdigen Tierarzt ihrer Wahl vornehmen. Denn es ist beruhigend zu wissen, so ein Pony ohne allzu großen Verlust wieder verkaufen zu können. Falls nämlich das Kind nach der ersten Euphorie irgendwann doch keine rechte Lust mehr hat.

Nicht zu jung, nicht zu alt, nicht zu klein, nicht zu anspruchsvoll

Konkret gibt es ein paar Faustregeln für die Anschaffung eines Ponys, die so gut wie alle seriösen Reitervereinigungen und Lehrer für sinnvoll halten: Kaufen Sie kein zu junges Tier. Es sollte mindestens 6, bestenfalls 9, aber höchstens 12 Jahre alt sein, und einen ruhigen ausgeglichenen Charakter haben. Vielfach wird empfohlen, auf eine solide Ausbildung bis Klasse L Wert zu legen. Das macht durchaus Sinn, aber einem unerfahrenen Reiter ein gut ausgebildetes Tier zu geben, hat nicht nur positive Aspekte. Denn auch ein Pferd kann sich unterfordert fühlen und langweilen – wenn es nicht regelmäßig mit einem guten Reiter zu tun hat. Daher ist mitunter ein weniger gut ausgebildetes Tier die bessere Wahl. Hinsichtlich der Größe denken Sie daran, dass das Kind noch wächst. Ein Stockmaß zwischen 147 und 154 ist sinnvoll. Keinesfalls sollten Sie sich unter Zeitdruck setzen. Mehrere Tage Probereiten und Umgang mit dem Tier sollten schon möglich sein. Denn das Schöne und Faszinierende an der Reiterei ist ja schließlich, dass sie auf Zuneigung und Vertrauen zwischen Reiter und Pferd beruht. Die Chemie zwischen den beiden muss stimmen. Und daher muss das künftige eigene Pferd dem Kind auch gefallen, jenseits aller vernunft-gesteuerten Erwägungen. Beide müssen zusammenpassen – und da entscheidet das Herz.

Pferdehaltung ist kein Sparmodell, sondern ein teueres Vergnügen

Allerdings auch der Geldbeutel: Die Preise für ein gut ausgebildetes Pony können sehr variieren, in der Regel muss man zwischen 2.000 und 5.000 Euro rechnen. Und Sie sollten sich im klaren darüber sein, dass die Anschaffung selbst noch den geringsten finanziellen Aufwand bedeutet. Richtig teuer wird es nachher. Und für die Folgekosten gilt: Die Skala ist nach oben weit offen. Das gilt bereits für eine Erstausrüstung. Die günstigste Variante, bestehend aus dem Notwendigsten und gebrauchtem Sattel, schlägt mit rund 1.000 Euro zu Buche. Ein Richtwert für Unterbringung und Futter, Hufschmied, Wurmkuren, Impfungen sowie Versicherung und Plakette sind 400 Euro pro Monat. Abhängig vom Standort, also stadtnah oder ländlich, und der Art der Unterbringung und „Stall-Service“, kann es auch leicht ein Mehrfaches sein. Die Behandlung eventueller Krankheiten oder Blessuren ist da nicht mit eingerechnet. Für solche Fälle ist es gut, immer ein paar tausend Euro übrig zu haben, denn die kommen schnell auf einer Tierarzt-Rechnung zusammen.

Die Wahl des Stalls will jedenfalls gut überlegt sein. Er sollte natürlich möglichst gute Bedingungen für das Pferd bieten, wobei das günstigste oder nächstgelegene Angebot nicht immer gleich das beste ist. Denn eine angemessene Unterbringung vermeidet Unfall- oder Krankheitskosten am ehesten, und diese Kosten machen einen preisgünstigen, dafür vielleicht weniger gut geführten Stall auf lange Sicht sehr viel teurer. Zu vernünftigen Stallbedingungen zählt vor allem täglicher Freilauf, der zudem ganzjährig möglich sein sollte. Das Tier muss regelmäßig auch im Winter mit seinen Artgenossen raus können, und es sollten nach Möglichkeit auch andere Kinder in diesem Stall ihrem Hobby nachgehen. Gerade für Jugendliche ist so eine verschworene Stall-Clique wichtig, weil sie ihr Hobby, für das sie auf andere Sachen verzichten, mit anderen teilen können. Und in jedem Fall ist bei der Auswahl des Stalls auch darauf zu achten, dass jemand für den Beritt zur Verfügung steht – zum Beispiel die Reitlehrerin oder der Reitlehrer.

Regelmäßiger Unterricht ist Pflicht

Denn auch das gehört dazu: Ohne Unterricht wird der Traum von eigenen Pferd ganz schnell zu einer lästigen Angelegenheit. In den ersten Wochen sollte jeder Ausritt mit Reit-Unterricht verbunden sein, später dann jedes zweite Mal oder zweimal die Woche. Auch das gehört zu den Kosten und ist selten gratis zu haben.

Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, kann das eigene Pferd eine wunderschöne Erfahrung sein, von der alle profitieren. Sowohl das Kind als auch die Eltern. Obwohl oder gerade weil das Leben mit Pferd eben kein Ponyhof ist.